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3 Der Chronist des Bergells, Andrea Garbald

Garbald, Der Chronist des Bergells

 55’, von Peter Spring und Adrian Zschokke

 

 

 

Selbstportrait A. Garbald

Es ist der 5. August 1911, ein schöner Sommertag im Bergell. Die Künstlerfamilie Giacometti wandert von ihrem Haus in Stampa nach Soglio. Anlass der Wanderung: Der 40.Geburtstag der Mutter Annetta Giacometti. Bei der Rast im Garten des Hotels Salis wartet ein kleiner Mann mit Brille und wirren Haaren. Es ist der Bergeller Fotograf Andrea Garbald. Die Giacomettis stellen sich dem Fotografen: ein kunstvoll arrangiertes Gruppenbild auf der Wiese entsteht. Das wohl berühmteste Bild der Künstlerfamilie Giacometti. Aus dem Lockenkopf Alberto wurde einer der bedeutendsten Künstler des 20.Jahrhunderts, Andrea Garbald, der Fotograf, ist so gut wie vergessen.

Es ist Zeit, dies zu ändern.

Andrea Garbald, 1877 in Castasegna als Sohn des Zollinspektors Agostino Garbald und der Schriftstellerin Silvia Andrea geboren, ist der erste Bildchronist des Bergells. Von 1900 bis zu seinem Tod im Jahre 1958 machte er Hunderte von Aufnahmen. Auftragsbilder für Passfotos, Familienfeiern, Hochzeiten, aber auch Bilder von öffentlichen Anlässen, Theateraufführungen, Landschaftsbilder, Stillleben, Brauchtum, alles was ihm vor die riesige hölzerne Fotokamera kam, wurde dokumentiert.

  Zu seinen Lebzeiten kannte ihn jeder im Tal. "Andrein", wie ihn alle nannten, war eine auffällige Erscheinung: klein, scheu, höflich, mit wirren Haaren und Nickelbrille, mit seiner Kamera und dem schwarzen Tuch, hinter dem er sich für die Aufnahmen verbarg. Mit seinem Brillengeschäft, das er in der väterlichen Villa führte und mit seinen Filmvorführungen im Hotel Bregaglia in Promontogno. Ein Tal-Original, oft verspottet, aber doch liebevoll geduldet. Ein hochintelligenter Einzelgänger, der nach dem Tod seiner Mutter und der Schwester immer mehr vereinsamte, sich mit seinen vielen Katzen ins Haus zurückzog und dort als bekehrter Buddhist Sanskrit studierte Er starb einsam und verwahrlost. Seine künstlerische Hinterlassenschaft ging vergessen. Eine letztlich gescheiterte Existenz. Im Gegensatz zu Alberto Giacometti, der das, was er selber als ständiges Scheitern empfand, zu Kunst von Weltgeltung machte.

  Es brauchte einen aus dem Unterland, um den vergessenen Talfotografen wieder bekannt zu machen. Hans Danuser, selber Fotokünstler, wohnte 1986 für ein Jahr in der Villa Garbald und stiess dort im Estrich auf rund 600 noch erhaltene Glasnegative. Darunter auch das Negativ des berühmten Famlienportraits. Danuser übergab diese ganze Hinterlassenschaft dem Bündner Kunstmuseum in Chur, wo die Negative nun geordnet und archiviert werden.

  Das Archiv von Andrea Garbald gibt ein genaues und vielfältiges Abbild des Bergells von 100 Jahren. Seine Fotografien erzählen Familiengeschichten, zeigen das Tal mit all seinen Schönheiten und Sehenswürdigkeiten.

  Seine Fotografien und seine Person sind Anlass für Geschichten und Anekdoten, die heute noch im Bergell erzählt werden. Und nicht zuletzt ist die Suche nach den Spuren von Andrea Garbald auch eine Suche nach meinen eigenen Wurzeln. Meine Mutter stammt aus einer alten Bergeller Familie. Die Gianottis waren Nachbarn der Familie Garbald in Castasegna. Es gibt Jugendportraits, die Garbald von meinem Grossvater Oreste Gianotti machte und es gibt das Hochzeitsbild meiner Eltern, das aus rätselhaften Gründen auch den Weg ins Archiv von Andrea Garbald gefunden hat.

   Die Fotografien von Andrea Garbald laden ein zu Vergleichen mit der Gegenwart dieses Bergtales, die zeigen wie viel oder wie wenig sich verändert hat und sie fordern auf, auch andere Geschichten, die das Tal schrieb, aufzunehmen.

   Da ist die Geschichte von Agostino Santi und sein Traum einer Eisenbahn durchs Bergell ins Engadin, oder die Bergeller Kastanien, einst Hauptnahrungsmittel, dann vergessen und vernachlässigt, heute wieder gepflegt und gehegt, vor allem als Touristenattraktion.

  Die Bilder laden aber auch ein, über die andern Künstler, die vom Tal geprägt wurden und hier ihre Werke schufen - von Segantini über Giovanni Giacometti, Varlin, bis zu Bruno Ritter und Piero del Bondio. Leben im Widerstreit zwischen der Enge des Tales und der Sehnsucht nach der weiten Welt.

   Alberto Giacometti löste diesen Konflikt, indem er in Paris lebte, aber im Winter ins Bergell kam. Andrea Garbald blieb im Tal. Es sind zwei Bergeller Seher, die zur selben Zeit verschiedene Wege gewählt haben. Ihre Wirkung für das Tal ist heute umgekehrt proportional zu ihrer Bekanntheit.

   30 Jahre nach dem Tod von Andrea Garbald hat die Garbald-Stiftung mit Unterstützung der ETH die von Gottfried Semper erbaute Villa in Castasegna zu neuem Leben erweckt. Die Fondazione Garbald hat ihren festen Platz im Bergeller Kulturleben.

   Das Atelier von Alberto Giacometti ist seit seinem Tod im Jahre 1966 geschlossen und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Ein einfacher Grabstein und ein paar Werke im Talmuseum "Ciäsa Granda" ist alles, was man im Bergell findet, wenn man nach dem Jahrhundertkünstler sucht. Für das Jahr 2016 - zum 50.Todestag von Alberto Giacometti - ist nun die Errichtung eines Centro Giacometti geplant, das dem weltberühmten Bergeller auch in seinem Heimattal doch noch jenen Platz geben soll, den er verdient.  

   Es ist eine Ironie des Schicksals, dass das Centro Giacometti ein paar Jahrzehnte nach der Villa Garbald im Bergell Fuss fasst - wenn das Projekt überhaupt zustande kommt.

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